Einreichungstext für die Petition an den Deutschen Bundestag

Güterabwägung in der Krise: Chancen eröffnen für neue Bildungsmöglichkeiten statt zurück zur alten Schule

Welche Form der Vergemeinschaftung kann helfen und welche Form kann schaden?

Sollen Kinder und Jugendliche so schnell wie möglich wieder in die Schule – oder brauchen sie andere soziale Erfahrungen und Bildungsmöglichkeiten?

In den letzten Jahren wurde mehrfach aus bildungsökonomischen Erwägungen heraus versucht, Bildungsprozesse zu beschleunigen (bspw. Bologna, G8). Diese Versuche sind fehlgeschlagen und wurden entweder durch längere Bildungszeiten beantwortet (Bologna) oder durch den Elternwillen wieder zurückgenommen (Rückkehr zu G9). Volkswirtschaftlich spürbare negative Effekte durch die Verlängerung der Bildungszeiten sind nicht eingetreten. Dennoch wird derzeit bildungspolitisch, gestärkt durch die Dritte Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina, der Eindruck erweckt, dass es unabdingbar sei, die zeitliche Taktung des Kompetenzerwerbs (insbesondere in den Fächern Mathematik und Deutsch) beizubehalten. Warum nicht die Krise – bzw. die epidemiologischen Beschränkungen – kritisch-konstruktiv wenden und nach alternativen Formen von persönlicher und fachlicher Bildung in dieser besonderen Situation fragen?

Die Vorschläge der Leopoldina zur Vergemeinschaftung sind getragen von dem Versuch einer Aufrechterhaltung des konkurrenzorientierten Kompetenzerwerbs – der dafür zu zahlende Preis ist allerdings psychosozial und pädagogisch zu hoch! Denn wir müssen die Frage stellen: Welche Ressourcen benötigen Kinder, um aus dieser Krise nicht beschädigt, sondern gestärkt herauszugehen? Kinder müssen die sie umgebende Welt verstehen, sie muss für sie handhabbar sein und bedeutsam – im Sinne der Salutogenese! Inwiefern sich dafür primär Inhalte aus Mathematik und Deutsch eignen und ob die gewohnten Formen schulischen Unterrichts der beste Weg sind, muss kritisch geprüft werden.

Anstatt starr an den in den letzten Jahren etablierten Leistungsstandards der KMK als gleichen Zielen für alle zum gleichen Termin festzuhalten, ist die Pädagogik in dieser Krise in der Pflicht, Strukturen und Prozesse zu schaffen, die Schülerinnen und Schüler psychisch und sozial entlasten. Entlastung und Bildungsmöglichkeiten erfahren Schülerinnen und Schüler durch das Erleben von Gemeinschaft, durch das Teilen von Ängsten und Hoffnungen wie auch durch das kooperative Entdecken ihrer Umwelt und ihrer persönlichen Fähigkeiten und Stärken. Leistungsdruck und Angst dürfen in den nächsten Monaten nicht den Unterricht und das Leben der Schülerinnen und Schüler bestimmen, nur um die herkömmlichen Übergänge im Bildungssystem in herkömmlicher Form zu sichern. Die Schülerinnen und Schüler müssen gerade in diesen Wochen wieder die Chance bekommen, gemeinsam mit den anderen lernen und leben zu können. Modelle, wie die von der Leopoldina vorgeschlagenen, in denen 15 Schülerinnen und Schüler mit Mundschutz in sozialem Abstand primär auf Fachinhalte zentriert werden sollen, halten wir für fragwürdig. Wir plädieren für kreative Lösungen, die von der Zivilgesellschaft, der Praxis und der Wissenschaft gemeinsam entwickelt werden, um die Ressourcen in unserer Gesellschaft bestmöglich zum Wohle der Schülerinnen und Schüler zu nutzen.

So lange es von Virologen als unverantwortlich betrachtet wird, dass Schulen wieder wie gewohnt geöffnet werden, könnte man so etwa alternativ auch über die Bildung von kontinuierlichen kleinen Lerngruppen (zivilgesellschaftlich organisierten Lernzirkeln) nachdenken, die in einem häuslichen Umfeld, möglicherweise auch digital unterstützt, zusammen lernen. Dort, wo die familiären Bedingungen dafür nicht gegeben sind, müssen diese Kleingruppen in Schulen organisiert werden. Kompensatorisch sollen alle öffentlichen Bildungseinrichtungen für diejenigen Kinder, die nicht in einer solchen Krisengemeinschaft organisiert werden können, in den dadurch entlasteten Räumlichkeiten Alternativangebote in 5er-Gruppen organisieren. Dort finden soziales Lernen und Bildungsangebote in der Logik von Ferienschulen statt, die kulturelle Angebote unterbreiten und die miteinander die psychosoziale Stabilität wiederherstellen.

Es erscheint uns geboten, diese zivilgesellschaftliche Ressource für die gesamte Gemeinschaft zu nutzen. Indem Familien, die hierzu in der Lage sind, solche zivilgesellschaftlich organisierten Lernzirkel bilden, werden Kapazitäten (sowohl räumlich als auch personell) frei, um die Schülerschaft und diejenigen Familien zu unterstützen, die dazu nicht in der Lage sind.

Um im Moment dieser Krise Prozesse und Strukturen von schulischer Bildung grundlegend mit Blick auf die psychosoziale Integrität der Schülerinnen und Schüler zu überdenken, muss ein alternativer Maßnahmenkatalog zu dem der Leopoldina entwickelt werden. Wir fordern den Bundestag dazu auf, hierzu eine Kommission einzurichten, die Maßnahmen entlang der Maxime einer Güterabwägung mit dem prioritären Ziel der psychosozialen Integrität der Schülerinnen und Schüler entwickelt. Ein solcher Impuls von der Bundesebene könnte von der Zivilgesellschaft und den Landesbehörden aufgenommen werden, die dann die lokalen Schulbehörden beauftragen, um gemeinsam mit den Kommunen, Schulen und Schulträgern Lösungen vor Ort zu suchen und die Lehrkräfte sowie alles im Bildungssystem tätige pädagogische Personal dabei zu unterstützen.

Der Gordische Knoten muss zerschlagen werden: Nicht eine Vergemeinschaftung über die Optimierung eines eng fachbezogenen Kompetenzerwerbs, sondern die Frage, wie wir die psychosoziale Gesundheit und optimale Bildungsmöglichkeiten für alle Schülerinnen und Schüler gemeinschaftlich erreichen können, muss aktuell pädagogisch handlungsleitend sein!

Erstunterzeichner*innen

Erstunterzeichner*innen

Siegfried Arnz (Leitender Oberschulrat/Abteilungsleiter a.D.)

Dr. Ines Boban (ehm. Universität Halle)

em. Prof. Dr. Hans Brügelmann (Universität Siegen)

Nina Bode-Kirchhoff (Lehrerin)

Simone Boehm

Ulrich Bosse (ehem. Primarstufenleiter an der Bielefelder Laborschule)

em. Prof’in Dr.Erika Brinkmann (Stellv. Vorsitzende Grundschulverband e.V.)

Prof. Dr. Ursula Carle Professorin für Grundschulpädagogik

Mira Di Chio-Thomsen

Julia Dutschke (Lehrerin)

Dr.-Ing. Christian Eisentraut (Lehrender am Oberstufen-Kolleg an der Universität Bielefeld)

Marczs Erb-Szymanski (Lehrer)

Helwig Fenner (Geograph)

Dr. Wiebke Fiedler-Ebke (Wissenschaftliche Einrichtung Oberstufen-Kolleg an der Universität Bielefeld)

Georg Flade (Diplom Berufspädagoge / wissenschaftlicher Mitarbeiter TU Dresden)

Gerd-Ulrich Franz (Bundesvorsitzender GGG)

Isabella Froschauer (Grundschullehrerin)

Stefan Gaertner

em. Prof. Dr. Karlheinz Geißler (Wirtschaftspädagoge)

Dr. Dietlind Gloystein (Humboldt-Universität zu Berlin)

Dr. Johanna Gold (Universität Bielefeld)

Prof’in Dr. Gerlind Große (Fachhochschule Potsdam)

Katharina Guttenberg

Ulrich Hecker (Stellv. Vorsitzender des Grundschulverbands)

Prof. Dr. Martin Heinrich (Wissenschaftlicher Leiter der Versuchsschule Oberstufen-Kollegs an der Universität Bielefeld)

Günther Hennig (Institut für angewandte sozialwissenschaftliche Forschung e.V.)

em. Prof. Dr. Hans Werner Heymann

Prof’in. Dr. Frauke Hildebrandt

em. Prof. Dr. Andrea Hinze (Universität Halle)

Erdmann Hübner (Lehrer)

Christoph Hutter (Lehrer an der Universitätsschule Dresden)

Gereon Inger (Lehrer am Oberstufen-Kolleg an der Universität Bielefeld)

em. Prof. Dr. Wolfgang Jantzen (Professor für Behindertenpädagogik Universität Bremen)

em. Prof’in Dr. Astrid Kaiser (Professorin i.R. für Didaktik des Sachunterrichts Universität Hamburg)

Dr. Christian Kemper

em. Prof. Dr. Klaus Klemm

Dr. Gerald Klenk (Vorsitzender Lernwirkstatt Inklusion e.V.)

Gabriele Klenk

Dr. Gabriele Klewin (Universität Bielefeld)

Bettina Krück

Sebastian Kuhnen (Universität Bielefeld)

em. Prof. Dr. Günter Kutscha (Universität Duisburg-Essen)

Dr. Christiane Lähnemann (Martin-Luther-Universität Halle)

Prof’in Dr. Anke Langner (Wissenschaftliche Leiterin des Schulversuchs „Universitätsschule Dresden“, Technische Universität Dresden)

Prof. Dr. Alexander Lasch (Professur für germanistische Linguistik und Sprachgeschichte, TU Dresden)

Ramona Lau (Oberstufen-Kolleg an der Universität Bielefeld)

Johanna Lojewski (Universität Bielefeld)

Dr. Anika Lübeck (Universität Bielefeld)

Thekla Mayerhofer (Vorsitzende des Grundschulverbandes Sachsen-Anhalt, Lehrerin)

em. Prof. Dr. Hilbert Meyer (Universität Oldenburg)

Susanne Michel (Universität Bremen)

Clemens Milker (TU Dresden)

Dr. Reinhold Miller (Beziehungsdidaktiker)

Gerd Möller

Prof. Dr. Frank Müller (Professur für inklusive Pädagogik, Universität Bremen)

Andreas Niessen (Schulleitung)

Sylvia Peehs (Vorstandsmitglied der Landeselterninitiative für Bildung e.V. Saarbrücken)

Daniela Pilger (Gesamtschuldirektorin)

Prof’in Dr. Ursula Rabe-Kleberg (Universität Halle-Wittenberg)

Hermann Rademacker

Margret Rasfeld

Ellen Reuther (Universität zu Köln)

Prof. Dr. Carsten Rohlfs (Pädagogische Hochschule Heidelberg)

em. Prof. Dr. Hans-Günter Rolff (Universität Dortmund)

Ilona Rother (Lehrerin)

Stephanie Sausel (Stellvertr. Leiter am Studienseminar Stade für berufsbildende Schulen)

Dr. Sven Sauter (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg)

Wolfgang Schäfer (stellv. Sprecher der Landeselterninitiative für Bildung e.V. Saarbrücken)

LRSD‘ i.R Heidemarie Schäfers

Gerd Schäfers (Schulleiter)

Maria Schmager (Lehrerin an der Universitätsschule Dresden)

Dr. Anja Schmidt (Pädagogin)

Maria Scholhölter (TU Dresden)

Alexander Schreyer

Philine Schubert

Dr. Michael Schwager (Gesamtschulrektor)

Dr. Eileen Schwarzenberg (Universität Bremen)

Barbara Sengelhoff (Universität zu Köln)

Rene Stein

Dr. Lilian Streblow (Universitär Bielefeld)

Christiane Stricker

Sona Terlohr (1. Vorsitzende Kinderschule Bremen e.V.)

Detlef Träbert (Freier Schulberater)

Wolfgang Vogelsaenger (ehm. Leiter der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule Göttingen-Geismar)

Prof. Dr. Gerald Warnecke (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg)

Sabine Wendt (Grundschullehrerin, Delegierte der Landesgruppe Brandenburg des Grundschulverbandes)

Dr. Klaus Winkel (Lehrbeauftragter der htw Saarland)

Sina Zeh (Lehrerin)

Verena Zils

Mario Zils

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